Bedienungsanleitung der Sony AVC 3260, Sony Corporation
Andrew Bujalski hat mir von William Egglestons Videoprojekt „Stranded in Canton" erzählt, das der Fotograf in den siebziger Jahren mit Schwarz-Weiß- und infrarotempfindlichen Videokameras gedreht hat. Andrew war von der Qualität dieses Filmmaterials fasziniert und wollte für „Computer Chess", der um 1980 bei einem Computerschach-Turnier spielt, einen ähnlichen Look erzielen. Diese Kameras wären wahrscheinlich auch für die Dokumentation über eine solche Veranstaltung verwendet worden.
Es war sehr schwierig, im Jahr 2011 funktionierende Schwarz-Weiß-Röhrenkameras zu finden, aber es gelang uns, drei Sony AVC 3260 Kameras zu beschaffen, die in dieser Kategorie die beste Option waren, um ein halbwegs stabiles Signal für die digitale Aufnahme zu bekommen. Das Herzstück der Sony AVC 3260 Kamera ist eine 2/3-Zoll-Schwarz-Weiß-Vidicon-Bildröhre.
mit derSony AVC 3260 am Set von “Computer Chess”
Eine der Röhrenkameras wurde mir ein paar Monate vor dem Dreh für erste Tests nach Los Angeles geschickt. Sie kam in ihrem Original-Koffer mit dem gesamten Original-Zubehör, es war wie eine Zeitreise. Als ich die Kamera zum ersten Mal einschaltete, empfand ich Aufregung und Angst gleichzeitig. Ich war aufgeregt wie ein Abenteurer auf einer Mission mit diesem Stück Technik aus einer anderen Zeit, mit all seinen technischen Einschränkungen und Artefakten, was sich genau richtig anfühlte für das, was wir vorhatten. Und auf der anderen Seite war ich besorgt als Kameramann, der für das Bild verantwortlich ist, das ich mit dieser instabilen Kamera pdrehen sollte – eine Kamera, die schon damals nicht für Spielfilmdrehs gebaut wurde, ihr eigenes Leben hat, auf deren Leistung wir aber jeden Tag 12 Stunden lang angewiesen waren.
Patrick Riester in “Computer Chess”
Die Artefakte dieser alten Röhrenkameras sind vielfältig und wir mochten sie alle. Bei einer Röhrenkamera brennen sich helle Bildteile, besonders Lichter, in die Röhre ein, was bedeutet, dass beim Wechsel des Bildausschnitts die Formen dieser hellen Objekte als Schatten im Bild verharren und Objekte und Personen manchmal transparent erscheinen lassen. Lichter ziehen eine Spur hinter sich her, wenn sie sich durch die Einstellung bewegen. Diese Kameras haben einen sehr beschränkten Kontrastumfang und in extremen Situationen, wie etwa wenn man eine Lichtquelle ins Bild nimmt, entstehen interessante elektronische Muster wie wandernde schwarze Wellen. Diese Röhren haben auch einen sehr spezifischen weichen Charakter, der sich in der Postproduktion nur schwer so nachbilden ließe. Die Kameras hatten auch andere Ticks und erzeugten manchmal elektronisches Rauschen, wenn man das Kameragehäuse an einer bestimmten Stelle berührte. All diese Artefakte zusammen verleihen dem Bild einen transzendentalen Charakter und helfen dabei, die manchmal unerklärlichen Dinge auszudrücken, die in unserer Geschichte zwischen Mensch und Computer geschehen.
Natürlich gab es Risiken, die wir minimal halten und technische Probleme, die wir lösen mussten. Es gibt nicht mehr viele Ersatzteile für diese Kameras, aber wir konnten einige Ersatzröhren für Notfälle finden und hatten einen Elektrotechniker in Bereitschaft. Er modifizierte auch unsere Kameras. Glücklicherweise wurden während des Drehs keine Reparaturen notwendig, aber wir hatten einige beängstigende Momente. Unsere Tests zeigten, dass das Signal der Kamera nicht stabil genug von selbst laufen würde, und wir mussten es durch einen Time-Base-Corrector laufen lassen, bevor wir es zu einem Analog-Digital-SDI-Konverter und schließlich zu unserem AJA Ki Pro Mini schickten, der im Apple-ProRes-Format aufzeichnete. Am Ende hatten wir einen ganzen Wagen voller lautstarker Elektronik, die E.J., mein Assistent, bediente. Die Kamera war über ein dickes Kabel mit diesem „EJtron", wie Andrew es nannte, verbunden. Es diente auch als Andrews privates Video Village, was eine Premiere für ihn war, da wir bei keinem unserer anderen Filme je eine Videoausspiegelung hatten.
Gordon Kindlmann und Patrick Riester in “Computer Chess”
Jede der drei Kameras hatte ihre Eigenheiten und die meisten davon mochten wir. Allerdings mussten wir einen Film drehen und konnten nicht zu viel Zeit damit verbringen, auf Kameraprobleme zu warten. Nach ein paar Tagen fand ich das Gehäuse, das am zuverlässigsten war, und abgesehen von einigen Störungen gab es glücklicherweise bis zum letzten Drehtag nicht auf. Ich entfernte den klobigen Original-Sucher der Kamera und ersetzte ihn durch einen Onboard LCD-Monitor mit integriertem Waveform-Monitor. Diese Kameras brauchten immer etwas Zeit zum Aufwärmen, bevor sie halbwegs stabil liefen. Vor jedem Take musste ich mit einem Schraubenzieher die Videopegel mit Hilfe des Waveform-Monitors in einen gesunden Bereich bringen. Wir mussten zwischen den Takes und beim Einrichten auch wirklich darauf achten helle Objekte im Bildausschnitt zu vermeiden, um unerwünschte Einbrennungen auf der Röhre zu verhindern, die sehr lange zum Verblassen brauchen konnten. Neben dem Original-Sony-Zoom verwendete ich Canon- und Nikon-Objektive mit Adaptern für den C-Mount der Kamera. Ich kaufte auch ein billiges 6mm-Objektiv vom Überwachungskamera-Typ, das eine große Vignette auf unserer 2/3-Zoll-Röhre erzeugte, die wir für diese Einstellung verwendeten.
Matthias Grunsky